Künstliche Intelligenz und Trauer: Wie KI den Umgang mit Tod und Erinnerung verändert
Die Künstliche Intelligenz (KI) verändert zunehmend, wie Menschen Trauer, Verlust und Tod erleben. Durch neue technologische Möglichkeiten können Verstorbene digital rekonstruiert und in Form von KI-Avataren oder Chatbots simuliert werden. Für Hinterbliebene kann dies zunächst Trost spenden und die Erinnerung an geliebte Menschen verlängern. Gleichzeitig warnen Expertinnen und Experten jedoch vor den psychologischen und ethischen Risiken dieser Entwicklung.
Digitale Rekonstruktion Verstorbener und ihre Folgen
Ein zentrales Element dieser Entwicklung ist der sogenannte digitale Nachlass. Dabei ermöglichen KI-gestützte Systeme, Verstorbene mithilfe von Sprachdaten, Texten oder Videos virtuell weiter „sprechen“ zu lassen. Solche Trauer-Chatbots können den Schmerz des Verlustes kurzfristig lindern, erschweren jedoch häufig den notwendigen emotionalen Abschiedsprozess.
Fachleute weisen darauf hin, dass eine maladaptive Nutzung von KI in der Trauerbewältigung dazu führen kann, dass Menschen den Verlust nicht vollständig akzeptieren. Die natürliche Grenze zwischen Leben und Tod wird dadurch zunehmend verwischt, was langfristig die Fähigkeit beeinträchtigen kann, Vergänglichkeit und Endlichkeit zu verarbeiten.
KI als emotionale Stütze: Risiken für Empathie und Resilienz
Experten warnen zudem davor, dass eine wachsende Abhängigkeit von KI für emotionale Unterstützung die menschliche Fähigkeit zur Toleranz von Unsicherheit, zur Empathie und zur persönlichen Reifung schwächen könnte. Emotionale Prozesse wie Trauer seien essenziell für zwischenmenschliches Wachstum und könnten nicht dauerhaft durch technologische Simulationen ersetzt werden.
Philosophische Perspektive: Tod im Zeitalter der Technologie
Der japanische Forscher Shisei Tei von der Universität Kyoto, der an der Schnittstelle von Psychiatrie, religiöser Philosophie und Neurophänomenologie arbeitet, äußert sich besonders kritisch zu dieser Entwicklung. In seinem Buch „Second Death: Experiences of Death Across Technologies“ analysiert er, wie moderne Gesellschaften den Tod zunehmend als etwas betrachten, das überwunden, verzögert oder technisch kontrolliert werden soll – anstatt ihn als integralen Bestandteil des Lebens zu akzeptieren.
Tei argumentiert, dass die durch KI verstärkte Trennung von Geist und Körper, die in vielen philosophischen und kulturellen Traditionen verankert ist, problematische Konsequenzen haben kann. Der Versuch, den menschlichen Geist digital zu bewahren, könnte die Fähigkeit untergraben, Ungewissheit zu akzeptieren und Weisheit aus realen Erfahrungen zu entwickeln.
KI, Palliativpflege und ein würdevoller Umgang mit dem Tod
Nach Ansicht Teis sollten diese Fragen stärker in die Palliativpflege, die medizinische Ethik und den gesellschaftlichen Diskurs integriert werden. Eine bewusste Auseinandersetzung mit Tod und Sterben könne dazu beitragen, Menschen am Lebensende mit Würde zu begleiten und die Unvermeidlichkeit des Todes anzuerkennen.
Tei betont abschließend, dass der Tod in dem Moment zur Gewissheit wird, in dem das Leben beginnt. Das Leugnen oder Verdrängen dieser Realität könne letztlich bedeuten, das Leben selbst nicht in seiner ganzen Tiefe anzunehmen.
Quelle: https://www.it-boltwise.de/wie-ki-unser-verstaendnis-von-trauer-und-tod-veraendert.html
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