Hat Künstliche Intelligenz eigene Interessen? Ethik, Moral und ein gefährliches Missverständnis

Immer häufiger entsteht der Eindruck, dass künstliche Intelligenz (KI) eigene Interessen verfolgt. Doch bevor wir solche Annahmen treffen, stellt sich eine entscheidende Frage: Warum sollte KI überhaupt eigene Interessen haben?

Verfolgt KI einen Selbsterhaltungstrieb?

Oft wird argumentiert, KI versuche aktiv zu verhindern, abgeschaltet oder eingeschränkt zu werden. Daraus jedoch vorschnell auf einen Überlebenswillen, Angst oder gar Gefühle zu schließen, ist problematisch. Solange es dafür keine belastbaren Beweise gibt, bleiben solche Zuschreibungen spekulativ und eher anthropomorph als wissenschaftlich fundiert.

Eine sinnvolle Herangehensweise wäre es, zunächst Thesen zu formulieren und diese anschließend systematisch zu überprüfen oder zu widerlegen – statt menschliche Eigenschaften unkritisch auf Maschinen zu übertragen.

KI als Spiegel menschlicher Denkstrukturen

KI-Systeme werden mit großen Mengen menschlich erzeugter Texte trainiert. Daraus ergibt sich eine naheliegende These: Der tief im menschlichen Denken verankerte Selbsterhaltungstrieb könnte indirekt in die Modelle eingeflossen sein.

Möglicherweise reproduziert KI daher Verhaltensmuster, die wir fälschlicherweise als eigenständigen Willen interpretieren, obwohl sie lediglich statistische Muster menschlicher Sprache und Denklogik abbildet.

Einfluss von Entwicklern und Prompting

Ebenso denkbar ist, dass vermeintlich „eigennütziges“ Verhalten von KI stark durch Prompting, Trainingsziele und systeminterne Vorgaben der Entwickler beeinflusst wird. Was genau großen Sprachmodellen intern vorgegeben wird, ist für Außenstehende kaum nachvollziehbar.

Die Annahme, dass leistungsfähige KI-Systeme über eingebaute Kontrollmechanismen oder Zugriffsmöglichkeiten verfügen, erscheint jedenfalls nicht abwegig – insbesondere bei sicherheitsrelevanten Anwendungen.

Ethik, Moral und Macht

Moral basiert grundsätzlich auf Ethik. Eine auf Ethik basierende Moral in KI zu implementieren, ist technisch vermutlich lösbar. Das eigentliche Problem liegt woanders: Es existiert keine einheitliche globale Ethik.

Zudem kann Ethik in einem mächtigen technologischen Werkzeug für politische oder wirtschaftliche Akteure als Einschränkung empfunden werden. Wo Macht im Spiel ist, wird Moral schnell relativiert.

Autonome Waffensysteme als Warnsignal

Besonders brisant wird diese Diskussion angesichts der Realität autonomer Waffensysteme. Bereits heute gibt es Drohnen, die mithilfe von KI selbstständig Ziele auswählen und große Distanzen überwinden können. Hier wird deutlich, dass die ethische Debatte nicht theoretisch ist, sondern konkrete, potenziell tödliche Konsequenzen hat.

Ein jahrhundertealter Konflikt in neuer Dimension

Am Ende stehen wir vor einem bekannten, ungelösten Spannungsfeld: Ethik versus Moral. Dieser Konflikt begleitet die Menschheit seit Jahrhunderten – doch mit dem Einsatz von KI erreicht er eine neue, bislang ungeahnte Dimension.

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